FÜR NEUE MUSIK ZÜRICH
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19.03.1999  20:00  Zürich, Helmhaus

EDU HAUBENSAK
gesammelte Kompositionen der 90er Jahre



ensemble für neue musik zürich
Hans Peter Frehner Flöte
Hansruedi Bissegger Klarinette
Urs Bumbacher Violine
Samuel Brunner Violoncello
Matthias Eser Percussion
Gäste
Monika Clemann Viola
Raffael Camenisch Saxophon
Sylvia Nopper Sopran

EDU HAUBENSAK
Deux Mondes 1996
Marimbaphon, Gongs
Schöner Wolf 1995
Altsasxophon, Viola
Tones 1997
Musik für 3 - 7 Instrumente Flöte, Klarinette, Saxophon, Violine, Viola, Violoncello, Percussion
Vertikale Horizonte 1998
Uraufführung Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello
Gestes 1991
Saxophon, Percussion
Streichtrio I - III 1992 -1996
Violine, Viola, Violoncello
Sechs Walserminiaturen 1996
Sopran und Violine

EDU HAUBENSAK
Geboren 1954 in Helsinki. Musikalische Ausbildung in Theorie und Komposition an der Musikakademie in Basel 1975 -79. 1984/85 Gast und Stipendiat am Istituto Svizzero in Rom. Erster Preis am Int. Komponistenseminar in Boswil 1984. Mitbegründer der Konzertreihe "Fabrikkomposition" in der Roten Fabrik Zürich (81-89). Intensive Beschäftigung mit neu gestimmten Instrumenten. Kompositions- und Meisterkurse bei Heinz Holliger und Klaus Huber. 1994 Werkjahr der Stadt Zürich. Rundfunkproduktionen. Das Werkverzeichnis umfasst vokale und instrumentale Orchesterund Kammermusik, musikszenische und radiophone Werke, sowie Konzeptkompositionen, Performances und Klanginstallationen. Lebt und arbeitet in Zürich.

Deux Mondes (1996)
Marimbaphon, Gongs

Zwei Welten, das sind in dieser Komposition zwei Zeitempfindungen oder zwei Zeitdeutungen, die mit schnell und langsam zu einfach definiert wären. Die eine Welt verlangt ein virtuoses Spielen quasi ausserhalb der Zeit, die andere Welt zeigt einen grösseren, nichtmetrisch gegliederten Zeitraum mittels räumlicher Notation. Diese horizontale Gliederung der Zeit in zwei Abschnitte -zwei Welten- wird auch im vertikalen Geschehen deutlich gemacht durch die Wahl von harten und weichen Schlegeln, den beiden Klangfarben Marimba und Gong, die teilweise ausserhalb des temperierten Systems erklingen. Dashochkomplexe Obertonspektrum der Gong kreuzt sich mit dem deutlich engeren,aber spezifischeren der Marimba... geschlagenes Holz, geschlagenes Metall - "Deux Mondes".

Schöner Wolf (1995)
Altsaxophon, Viola

Grosse Augen in fragenden Gesichtern: "Schöner Wolf" als Titel eines Musik- stücks ist ungewohnt. Dem bösen Wolf in unseren Märchen, dem Wolf im Hund, der Wolfsmutter, der Bestie, dem Wolf im Schafspelz usw. begegnete man seit je mit vagem Vertrauen. Das ambivalente Gefühl von Freund und Feind zeigt sich auch in diesem Duo für Altsaxophon und Viola. Das Heterogene der Be- setzung , die deutlich verschiedenen Klagfarben sollten sich idealerweise in neuen Intervallen mischen. Die um 1/3 Ganzton erhöhte Grundstimmung der Viola ergibt eine ungewohnte vertikale Farbe. Das kreisende der Komposition - - ihre Horizontalität - lässt die einzelnen Töne in ständig erneuertem Licht er- scheinen. Wolfstöne, oder genauer der Wolfston eines Instrumentes, auch die Wolfsquinte sind als Begriffe in der Musikterminologie seit der Renaissance bekannt. Im Duo "Schöner Wolf" gibt es scheinbar reine und unreine, scheinbar richtige und falsche Töne, sicher aber schöne "verschmutzte " Wolfsquinten, die man früher verwarf. Lassen wir sie kreisen.

Tones (1997) Musik für 3 - 7 Instrumente
Flöte, Klarinette, Saxophon, Violine, Viola, Violoncello, Percussion

Tones - Einzeltöne - eingepackt in Stille - isolierte Zeit : eine Musik, die vollständig in sich selbst ruht, ein statisches, aber bewegtes Gebilde, das jede horizontal entfaltende und vertikal gleichzeitge Klangbildung zulässt.

Vertikale Horizonte (1998) Uraufführung
Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello

Auftragswerk des ensemble für neue musik zürich Eine Musik sich vorzustellen, die grundsätzlich von der herkömmlichen Stimmung der Instrumente abweicht, ist für mein Komponieren zentral geworden. Das Quartett "Vertikale Horizonte" für Flöte, Klarinette, Violine und Violoncello besteht aus zwei Luftsäulen und acht schwingenden Saiten, deren Grundstimmung gegeneinander verschoben und verändert wurde. Die konsonantesten Intervalle, die Oktave und die Quint sind in dieser Komposition die konstitutiven musikalischen Elemente. Die scheinbare lineare Einfachheit wird durch die individualisierte Stimmung in komplexere Zusammenhänge gestellt. Diese paradoxen Differenzen sind in der vertikalen, harmonischen Qualität besonders deutlich als Veränderungen der Farbigkeit wahrnehmbar und eröffnen neue Horizonte . . .

Gestes (1991)
Saxophon, Percussion

Gestes deutet auf das Einzelne, Abrupte, Einfache, Schnörkellose, Kurze, Wache Entwicklungslose, Hervorschnellende, Abgespeckte und stille Konzentrat im Moment.

Streichtrio I, II III (1992-1996)
Violine, Viola, Violoncello

Die Frage nach dem richtigen oder falschen Ton ist bei Streichern eine Alltäglichkeit. Beim Spiel auf den imaginären eingeübten Skalen, werden temperierte und reine Inter- valle im kammermusikalischen Zusammenspiel intoniert und erprobt. Die Skordatur des Streichtrios I verlangt eine Veränderung der Grundstimmung von Violine und Violoncello. Die Violine stimmt ihre Saiten 33 cents oder ein Sechstelton höher als die Viola, während das Violoncello die Saiten um denselben Wert tiefer als die Bratsche stimmt. In diesem Kontext ist kein Intervall zwischen den Instrumentalisten herkömmlich vertraut. Das bewusste Verharren in der gewohnten Spielweise erzeugt im vertikalen harmonischen Hörresultat neue Konstellationen des Zusammenklangs. In Streichertrio II und III verändern die Interpreten die Stimmung ihrer Instrumente fortlaufend während des Spiels. Das teilkontrollierte Herunter- und Heraufstimmen aller 12 Saiten ergibt ständig sich verändernde harmonische Situationen, die an jedem Konzert und in jeder Probe anders ausfällt. Langsame Entwicklungen, Glissandi und leere Saiten konstituieren die Textur der drei Kompositionen.

Sechs Walserminiaturen (1996)
Sopran und Violoncello

Robert Walsers Aphorismen - er nennt sie Sätze - tauchten mir unverhofft während der nächtlichen Lektüre zwischen seinen Prosastücken auf. Die an einem Tag entstandenen kompositorischen Skizzen wurden graphisch und verbal fixiert (gezeichnet), später aus- gedeutet (kristallisiert) und in eine präzise Notation gesetzt. Der Interpretation des Textes entsprechend sind die melodischen Schritte der Frauenstimme oftmals mikrotonal, in kleinsten Intervallen auszuführen. Die Violine wird für die sechste Miniatur umgestimmt und es erscheinen neue, abgründige harmonische Situationen und Reibungen zwischen den Saiten und dem Gesang. Walsers Texte in Musik zu setzen, sie in die Höhe zu heben und deren Tiefe auszuhalten, erfüllte mich mit einer "sehr feinen Freude".
15. Juli 2014
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