FÜR NEUE MUSIK ZÜRICH
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17.01.1998  20:00  Kunsthaus Zürich Vortragssaal

GEGENWARTSMUSIK VON MATHIAS STEINAUER UND DEQING WEN

Hans Peter Frehner
Flöte, Hansruedi Bissegger
Klarinette, Urs Bumbacher
Violine
Samuel Brunner
Violoncello, Viktor Müller
Piano, Matthias Eser
Percussion
Jürg Henneberger
Leitung
Bruno Bissegger
Licht

MATHIAS STEINAUER
Geboren 1959 in Basel. 1978-86 Klavier-, Theorie- und Kompositionsstudium an der Musik-Akademie Basel. 1986-88 Weiterführende Kompositionsstudien bei György Kurtàg in Budapest. Seit 1986 freischaffender Komponist und Lehrer für Musiktheorie, Kammermusik, Kurse für Neue Musik und Komposition am Konservatorium Winterthur. Sein Werkverzeichnis umfasst Orchesterwerke, Solo-konzerte, Vokal- und Kammermusik. Lebt in Corticiasca TI.

(1.) OMAGGIO AD ITALO CALVINO OP 10.2
Klarinette B, Violine, Violoncello und (teilpräpariertes) Klavier
Die drei Sätze basieren auf drei Geschichten des italienischen Schriftstellers Italo Calvino (1923-1985) über mögliche Entstehungsszenarien der Erde, welche allesamt von quasi wissenschaftlichen Zitaten ausgehen.
1.Himmel aus Stein: Die Geschwindigkeit, mit der sich die seismischen Wellen im Innern der Erde fortpflanzen, variiert je nach der Tiefe und nach der Diskontinuität des Materials, aus dem die Kruste, der Mantel und der Kern des Planeten bestehen.
2. Ohne Farbe: Bevor die Erde sich ihre Atmosphäre und ihre Ozeane ausgebildet hatte, muss sie wie ein grauer, im Raum rotierender Ball ausgesehen haben. So wie heute der Mond: wo ultraviolette Strahlen der Sonne direkt auftreffen, werden alle Farben zerstört (...)
3. Meteoriten: Nach den neuesten Theorien wäre die Erde ursprünglich ein winziger kalter Körper gewesen, der dann allmählich grösser wurde, indem er sich den Meteoritenstaub einverleibte.

(3.) RUMORI CARDIACI op.13
Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Piano
Ein kleines Nachstück für die "ersten Herzschläge" des Ensemble Oggi.musica, welches im Mai 1996 ihr erstes Konzert in Castagnola gab....
....Castagnola, ein bervorzugter, direkt am See gelegener Villenvorort von Lugano, am Fusse des Monté Bré, kam im Herbst 1995 plötzlich und unerwartet durch beunruhigende Gerüchte in die lokalen Schlagzeilen: In einem öffentlichen Park, nahe dem Friedhof, wurden in gewissen Nächten satatnische Rituale durchgeführt. Die Bevölkerung war irritiert. Neben dem Auffinden von eindeutig diabolischen Gegenstädnen (brennenden Kerzen, halben Zwiebeln und Zitronen), erhielten die Gerüchte weiter Nahrung durch die Publikation einer alten Europakarte: darauf abgebildet erschein ein fast den ganzen Kontinent bedeckender Teufel, dessen Herz sich ausgerechnet in Castagnola befindet........

DEQING WEN
Geboren 1958 in einem kleinen südchinesischen Dorf. Wen trat dann - mit zwanzig Jahren- in die Musikabteilung der Hochschule Fuijan ein um Musikpädagogik zu studieren. 1982 erhielt er sein Abschlussdipolm. Von 1984 bis 1988 war er composer in residence des Ensembles von Ninxia. 1990 erhielt er das Zertifikat für Komposition des Konsevatoriums von Beijing. Im darauffolgenden Jahr unterrichtete er Komposition und Orchestrierung an der Musikabteilung der Hochschule von Beijing. In China gewann er in Wettbewerben zwei Preise für Komposition. 1988 fand ein Konzert statt mit Werken für traditionelles chinesisches Orchester und Chor.
Im Dezember 1991 verliess Wen Deqing sein Land, um am Konservatorium Genf studieren zu können. Er erhielt 1993 den Kompositionspreis (bei Jean Balissat) und den Preis des Genfer Conseil d'Etat . Zwischen 1993 und 1994 studierte er bei Gilbert Arny Komposition am Konsveratorium von Lyon. 1996 wurde er Preisträger des Kompositionswettbewerbs des "Festival des musiques des Châteaux neuchâtelois". Wen Deqing erhält zahlreiche Kompositionsaufträge von Ensembles und verschiedenen Institutionen (wie z.B. PRO HELVETIA).

(2.) LE SOUFFLE / DER HAUCH
Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Piano, Percussion
Die Chinesen sind der Auffassung, dass yin und yang sich von Anfang an im Universum befinden und all Geschöpfe durch den qi (Lebenshauch) belebt werden. Die Musik bildet hier keine Ausnahme: dementsprechend sind c, d, e fis, gis, ais, yang, währedn cis ,dis ,f, g a h dem yin angehören. Ich habe versucht, die Dur-Sekunde, die Dur-Terz, die übermässige Quarte (wenn das darauffolgende Intervall yin ist) die Quinte, die Dur-Sexte und die Dur-Septime zusammen in der yang-Kategorie einzuordnen. Dagegen sollen die moll-Sekunde, die moll-Terz, die Quarte, die verminderte Quinte ( wenn das darauffolgende Intervall yang ist) , die moll-Sexte und die moll-Septime der yin- Kategorie zugeordnet werden. Indem ich mich von der Anordnung der 64 Hexagramme des Buchs der Wandlungen (eines Weissagungs- und Philosophiewerks, dessen älteste Teile bis in 2. Jahrhundert vor Christus reichen), und ihrer Gliederung in sechs männlichen oder weiblichen Zügen anregen liess, teilte ich dieses Werk in sechs Register und schrieb die Musik der 64 Hexagramme in der Ordnung für sechs Instrumentalisten.

(4.) DIVINATION / WAHRSAGUNG UA im Auftrag von PRO HELVETIA
Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Piano, Percussion
Das Ideal der alten Chinesen besagt, dass "Natur und Mensch eins seien". Um die Zukunft vorauszusagen, formen sich die 64 Hexagramme des Buchs der Wandlungen (Ging) aus den Kombinationen der acht Elemente Erde, Berg, Wasser, Wind Donner, Feuer, Sumpf und Himmel.
Obwohl diese Stück eine Zeremonie des Wahrsagens un die acht genannten Elemente zu beschreiben scheint, reflexiert es mehr noch die menschlichen Empfingdungen. Die Verschmelzung dieser beiden Aspekte resuliert aus einer innermusikalischen Entwicklung.
Die philosophische Theorie des Yin und Yang hat mir die Struktur des musikalischen Materials gegeben. Die Verwendung von "Instrumenten" aller Art, ungebräuchliche, aus dem alltäglichen Leben entlehnte, erlauben hier am besten, Sinngehalt auszudrücken. Denn die Musik ist allgegenwärtig!
22. Dezember 2014
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