FÜR NEUE MUSIK ZÜRICH
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11.03.2017  20:00  Zürich, Kirche St. Jakob
12.03.2017  17:00  Solothurn, Jesuitenkirche
18.03.2017  18:00  Heilbronn, Kilianskirche
19.03.2017  17:00  Schwaigern, Evangelische Stadtkirche



Jochen Neurath
Stimmen der Nacht, 2016, UA
Symphonie nach Joseph von Eichendorff
für Chor und Ensemble

„...mein irres Singen hier ist wie ein Rufen nur aus Träumen...“

Ein Blick zurück. Zur Romantik, die selber ein Blick zurück war, eine Flucht zurück zur eigenen Identität.

Das ensemble für neue musik zürich und der Kammerchor des Heilbronner Mönchsee-Gymnasiums. Junge Menschen, die in einem Heute bestehen müssen, in dem sie lediglich zum Funktionieren benötigt werden. Und erfahrene Musiker, die das Neue, das im Alten verwurzelt ist, zu ihrer Lebensaufgabe machen.

Eine viersätzige szenische Symphonie für Chor und Kammerensemble. Traditionen der musikalischen Romantik zu Texten des Urbildes literarischer Romantik: Joseph von Eichendorff.

I: In der Fremde: Verlust, Entfremdung, Trauer, Sehnsucht nach "zu Hause".
II: Todeslust: "Die Falsche Welt", Zumutungen, Fluchten: Rausch, Gewalt, Fanatismus.
III: Klang um Klang: Mystische Natur, Stille, Lauschen, Inspiration. Noch Momente der Gefährdung.
IV: Letzte Heimkehr: Zu‐Hause‐Sein, Frieden, Transzendenz, "Die Andere Welt".

Kammerchor des Mönchsee-Gymnasiums Heilbronn

ensemble für neue musik zürich
Hans-Peter Frehner    Flöte
Manfred Spitaler      Klarinette
Lorenz Raths          Horn
Sebastian Hofmann     Schlagzeug
Viktor Müller         Klavier
Urs Bumbacher         Violine
Nicola Romanò         Violoncello
Herbert Kramis        Kontrabass

Claus Hutschenreuther Musikalische Leitung
Frank Düwel           Szenische Einrichtung






Der Ausgangspunkt
Romantik ‐ Flucht ‐ Identität vor dem Hintergrund des Gestern, um das Morgen nicht nur zu bewältigen, sondern zu gestalten. Als lebenslange Aufgabe. Nicht erst seit heute – so war es schon immer und wird es bleiben.
Die Form
Das Werk ist als viersätzige Symphonie für Chor und Kammerensemble angelegt, die Schritt für Schritt die oben angedeuteten Themen in assoziativen Klangbildern entfalten.
In der Fremde: Verlust, Entfremdung, Trauer, Sehnsucht „nach Hause“
Todeslust: „Die Falsche Welt“, Zumutungen, Fluchten: Rausch, Gewalt, Fanatismus
Klang um Klang: Mystische Natur, Stille, Lauschen, Inspiration. Momente der Gefährdung
Letzte Heimkehr: Zu‐Hause‐Sein, Frieden, Transzendenz, „Die Andere Welt“
Der Eichendorff der Wanderlieder tritt in „Stimmen der Nacht“ in den Hintergrund gegenüber dem Sänger der Nacht, des Waldes, und der Horchens auf Echos der Vergangenheit. Seine Gedichte werden, eben wie Echos, oft fragmentiert, und in verschiedenen Graden von Zusammenhang und Text‐Verständlichkeit in die Komposition verwoben. Auch die Musik taucht in den Hall‐Raum der Erinnerung, mit Anklängen an LiedKunst der Romantik, auch an noch ältere Kompositionstechniken, um im Kontrast zu grellen Klängen Neuer Musik die Zerrissenheit eines heutigen Lebensgefühls erfahrbar zu machen.
Die Gestalt
Ein wesentliches Element der Komposition ist die Einbeziehung theatraler und choreografischer Elemente bereits in die musikalische Substanz. Die Ausführenden bewegen sich im Raum, schicken ihre Klänge in die Ferne, oder sind selber in der Ferne, aus der die Klänge wie aus der Erinnerung zum Hörer dringen. Die in
Veränderung begriffene räumliche Beziehung der Musiker untereinander und zum Publikum wird zum Bedeutungsträger, indem die Entfernung voneinander zum Symbol werden kann für Verlust, das Verlassen der herkömmlichen Aufführungs‐Position zum Zeichen von Flucht, das Horchen auf entfernte Klänge eine Sehnsucht hin in eine andere Welt bedeutet.
Verständnis der Jugend für Interaktion mit anderen Menschen und Kunstformen, da Welt immer Verschränkung von Verschiedenem ist. Lernraum/ Kunstraum/ Selbstdarstellungsraum/ Interaktionsraum über Schule hinaus. Am Entstehungsprozess beteiligt und nah dran zu sein. Wahrgenommen zu werden. Darstellen, Gestalten, Prägen – zu hause geerdet und hinaus in die Welt tragend.
Auch das komplementäre Verhältnis der beiden Klangkörper hat direkten Bezug zu den zentralen Themen des Werkes: das jugendlich‐offene Herantreten an die Aussen‐Welt wird konfrontiert mit den Klängen Neuer Musik, die eine Realität widerspiegeln, die nur zu bewältigen ist, indem man sich zweitweise von ihr abwendet., und so den Flucht‐Gestus der Romantik als Quelle der inneren Stärke erfährt.
Emotionalität und nicht Verkopftheit, für die Breite und keine Elite. Für die Freunde und Familie und die „Fremden“ Konzertbesuche
Ein junges Projekt im Dialog
Die Vorgeschichte
Ermöglicht durch den Förderkreis für Neue Musik Heilbronn, fand im April 2014 die Uraufführung von „Gefrorene Träume“ für den Kammerchor des Mönchseegymnasiums und das Vokalensemble Heilbronn statt. „Das Publikum feiert die ‚Gefrorenen Träume‘ frenetisch“, schrieb die Heilbronner Stimme. Der Komponist Jochen Neurath und der Regisseur Frank Düwel schufen zum Gedenken an das DachsteinUnglück einen musikalisch‐szenischen Rahmen für Bilder existentieller Erfahrungen, der „ohne Requisiten und Text das Schicksal greifbar macht“.
Heilbronn!! Profis wollen mit „Schülerprofis“ arbeiten aus Erfahrung und Empfehlung
Ein Jahr später hebt Neurath mit dem ensemble für neue musik zürich seine ‚Missa Sine Domine‘ aus der Taufe. Ein räumlich‐instrumentaler Essay über Fragen des Glaubens in einer immer bedrohlicher werdenden Welt.
Beide Ensembles folgten dabei der Idee, eine Komposition in Klang und Raum zu verwirklichen. Die Arbeit an einer neuen Form des Musiktheaters wurde von den jugendlichen Sängern des Kammerchors als Aneignung Neuer Musik, aber auch als Reflexion der eigenen Existenz begeistert aufgenommen.
Innovativ, kunstübergreifend, entwickelnd mit den Schülern und dem Ensemble als Einzelner oder Gruppe, Schüler abholend, individuell berücksichtigend (Fachwort Binnendifferenzierung muss dann nicht fallen) in
Aus dieser Erfahrung entstand die Idee, ein gemeinsames Projekt mit so unterschiedlichen Klangkörpern wie dem Kammerchor einerseits und dem Zürcher ensemble mit seinen profunden Erfahrungen in Neuer Musik und Musiktheater auf den Weg zu bringen. Den jungen Sängern eine ungewöhnliche Arbeit an einem vorher noch nie aufgeführten Werk in Zusammenarbeit mit den gestandenen Musikern des ensembles zu ermöglichen, ist eine wesentliche Zielsetzung dieses Projekts.
Entwicklungsschritt: nach semiprofessionellen Chören in Heilbronn (Vokalensemble Kilianskirche, Heinrich-Schütz-Chor) mit Regisseur und Komponist jetzt mit professionellen, international auftretenden Musikern
Ein Schulprojekt
Neue Musik als unbegangener Pfad trifft das Lebensgefühl junger Menschen
Als Projekt, das wesentlich an einem musischen Gymnasium verwurzelt ist, richtet es sich besonders an den Gefühls‐ und Erfahrungshorizont der Schüler. Thematisiert wird der Zwiespalt zwischen einer Welt, die gestaltet sein will und der Flucht daraus durch die Kraft der Imagination, ein Zwiespalt, den die meisten Jugendlichen aus ihrer eigenen Lebenswirklichkeit kennen.
Auch in der Herausforderung, Techniken der Neuen Musik im Dialog mit den Instrumentalisten des ensemble zu erlernen, liegt die Möglichkeit unschätzbarer Erfahrungen.
Überwindung auf unbekannten, musikalischen Wegen zu gehen, Einzulassen auf unbekanntes; Mehrmalige Aufführungen = daran reifen, Lohn für entbehrungsreiche Arbeit
Frank Düwel hat gerade für die Etablierung solcher Erfahrungen für junge Menschen eine eigene
Arbeitsweise entwickelt, die jeden Einzelnen der jungen Künstler als Menschen ernst nimmt, und ihm so die Möglichkeit verschafft, sich selber in Beziehung zum aufzuführenden Kunstwerk neu zu reflektieren.

Jochen Neurath Komposition
Jahrgang 1968, studierte Komposition in Berlin und Hamburg. Seitdem ist er als freischaffender Komponist und Arrangeur, sowie als Pianist und Dirigent tätig.
2001 – 2006„Composer in Residence“ der Staatsoper Hannover. 2001 Schauspielmusik zu Nicolas Stemanns „Orestie“‐Inszenierung am Schauspiel Hannover.
2003 Mitarbeit an Christoph Marthalers Projekt „Lieber Nicht“ an der Volksbühne Berlin. Musikalischer Berater und Arrangeur bei Produktionen von Anna Viebrock („In Vain“, Zürich 2002 mit Sylvain Cambreling und dem Klangforum Wien, und „Ohne Leben Tod“, Berlin 2005 mit Johannes Harneit)
2007 Kammerorchesterfassung von Bachs „Kunst der Fuge“ für die Sinfonietta Leipzig. Daraufhin Auftrag von Riccardo Chailly zur Orchestration von Bachs „Goldberg‐Variationen“ für das Gewandhausorchester Leipzig, UA beim Bachfest Leipzig 2012.
2014 „Gefrorene Träume“ in der Kilianskirche Heilbronn uraufgeführt, 2015 „Missa Sine Domine“ in der Kunsthalle Zürich.
Weitere Werke: Oper „Agrippina“, Lieder, Orchester‐, Kammermusik‐ und Chorwerke, sowie genau auf bestimmte Räume, Umstände und Personen zugeschnittene Performance‐Kompositionen wie „Exposition“ für das Deutsche Guggenheim Berlin zur Austellung „Grey Area“ von Julie Mehretu.


Claus Hutschenreuther musikalische Leitung
wuchs in Thüringen auf und erhielt früh Unterricht auf diversen Instrumenten sowie in Gesang. Nach dem Abitur an den Musikspezialklassen des Rutheneums in Gera ab studierte er von in Halle/ Saale und Weimar Schulmusik und Geographie, Stimmbildung (klassischen und Jazzgesang) und Konzertakkordeon. Dazu kam Dirigierunterricht. Er besuchte aktiv und passiv Meisterkurse für Dirigieren (Jürgen Puschbeck, Wolfgang Schäfer, Alois Koch) und Konzertakkordeon (Margit Kern, Hugo Noth).
Als Stimmbildner, Korrepetitor und Assistent mit Dirigierverpflichtung arbeitete Hutschenreuther für den
Hochschulchor und den Kammerchor der Hochschule für Musik „Franz Liszt" Weimar, den
Philharmonischen Chor und den Madrigalkreis der Philharmonie Jena sowie das Musikgymnasium Schloss Belvedere der Musikhochschule Weimar. Konzertreisen und Wettbewerbe führten ihn nach Spanien, Belgien, Frankreich, Ungarn, Rumänien, in die Schweiz, die Türkei und mehrfach in die USA.
Kammerchor des Mönchsee‐Gymnasiums Heilbronn
Der Kammerchor des Mönchsee‐Gymnasiums Heilbronn wurde 1993 von Dr. Hermann Forschner gegründet, um anspruchsvollere Chorarbeit in einem kleineren Kreis anzubieten. Schnell entwickelte sich der Kammerchor mit ca.45 Sängerinnen und Sängern und seinem Schwerpunkt auf vierstimmige a‐capella-Literatur aller Epochen zu einem etablierten Ensemble der Region Heilbronn‐Franken. Seit 2010 arbeitete Claus Hutschenreuther als Chorleiter und Stimmbildner mit und übernahm 2012 den Chor.
Ein umfangreiches Engagement auch außerhalb der Heimatregion trug zur künstlerischen Entwicklung bei.
So trat der Chor zu den „Begegnungskonzerten der Schulmusik zum Tag der Deutschen Einheit" auf (2000,
2002 und 2005), bei Wettbewerben an (1. Preise: Tübingen 2001; Müllheim 2006; 2. Preise: Tübingen 1995, 1997, 2001; 3. Preis Ulm 2013) und, in Zusammenarbeit mit dem Förderkreis füre Neue Musik Heilbronn durch Uraufführungen neuer Chorwerke an die Öffentlichkeit (2011, 2014).

Frank Düwel Regie
Von 1997 bis 2002 am Theater Lübeck
Seit 1999 Leiter der norden‐theaterproduktion, Hamburg
seit 2000 Mitglied der UNESCO ITI Germany
von 2003 bis 2007 stellvertretender Intendant Theater Heilbronn
Produktionen u.a. :
Die Signalgeber für das Festival Theater der Welt 1999, „Der Schimmelreiter“ 2000/2011 als Festspiel am
Nordseedeich und 2013‐2015 als Trilogie in der Kammerspielfassung in Hanerau‐Hademarschen
Von 2007 bis 2010 drei Kirchenopern von Benjamin Britten u.a. „Fluss der Möwen“ für das KirchenmusikFestival Musica sacra in Paderborn
Für die UNESCO/ ITI Projekte in Manila, Madrid, Shanghai und Xiamen.
Chorprojekte:
Der Spiegel der See, am Hafen in Lübeck, Knabenkantorei St. Marien
Anabasis, Festival Musica sacra Paderborn, Arnold Schönberg Chor – Wien
Horch ins Licht, Frauenkammerchor Rheinland‐Pfalz, Koblenz
Gefrorene Träume, Kammerchor Möchseegymnasium, Vokalensemble Heilbronn, Kilianskirche
Dozent für Bühnenpräsenz, an der Staatsoper unter den Linden, an der Hochschule für Musik Theater und
Medien Hannover, der Chrstian‐Albrecht‐ Universität Kiel und der Theater‐Fabrik Kampnagel in Hamburg Seit 2009 Dozent für Musiktheaterregie und Projektleiter an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Intendant im KulturSommer am Kanal der Stiftung Herzogtum Lauenburg.
Seit 2014 Kurator von Festival Stimme X neues Musiktheater in Hamburg.
2015 Erhält Frank Düwel den Lehrpreis der Freien und Hansestadt Hamburg.
16. März 2017
© ensemble für neue musik zürich, Gutstrasse 89, CH-8055 Zürich
T +41 (0)44 383 81 81, M +41 (0)79 207 55 92
info(at)ensemble.ch, www.ensemble.ch/archiv/?det_id=333/